Montag, 31. Oktober 2011

2/12 - 1.11

Auch nach zwölf Stunden Schlaf war ich nicht ausgeschlafen. Ich opferte meine Frühstückszeit an die Dusche und ging arbeiten. Unterwegs ließ ich mich auf ein Gespräch mit einem Mobilfunkpromoter ein und schenkte einem Bettler zwei Euro und eine Packung Taschentücher. In der Schule fiel mir eins der Mädchen um den Hals und auch sonst begrüßten mich alle herzlich. Ich holte das Päckchen von meiner Mutter beim Friseur ab und hatte bei meinem Heimweg zudem mein Abendessen dabei. In meinem Kopf formten sich die Worte „Mein Name ist Gwenn und ich wohne im angesagtesten Viertel Berlins und auch das viertel in dem ich arbeite ist schön. Ich komme mit meinem Geld aus und trage mein bereits gekochtes Abendessen bei mir, ich habe ein Paket mit meinen Lieblingsbüchern erhalten und gehe mit der Sonne nach hause. Ich baue mir einen Freundeskreis auf, versuche Kontakt zu meinem alten zu halten und habe in den letzten zehn Tagen Komplimente für meine Haare, mein Lächeln, meine Intelligenz und meine Fotografie erhalten. Wieso sollte ich nicht glücklich sein?“ Abends chattete ich mit Freunden, erhielt geschriebene Herzchen von vier verschiedenen Leuten und schaltete meinen Mac mit einem glücklichen Lächeln aus.

Freitag war ein langer Arbeitstag. Nach meiner Schicht rannte ich erst zum Alexanderplatz, dann nach Neukölln, verbrachte eine halbe Stunde in meiner Wohnung und ging dann zu Lou, wo ich an diesem Abend alle ihre Söhne kennenlernte. Spätestens als die beiden jüngsten anfingen, am Computer gegeneinander anzutreten, fühlte ich mich wie zu hause, wo mein Bruder das mit seinen Freunden immer mal wieder tat. Gegen elf fuhr ich nach hause, aber ich war nicht müde genug, um in der Wohnung hocken zu bleiben. Keiner meiner Berliner Kontakte hob das Telefon ab, und Rotem wollte weiterhin Sachen einkochen. Allerdings meinte sie, ich solle es wagen, einfach mal alleine rauszugehen. Also ging ich gegen Viertel nach eins alleine das Licht-Spektakel der Großstadt bewundern. Blöd nur, dass gar kein Lichtspektakel war: wie auf dem Internet nachzulesen, wurde die farbige Beleuchtung um Mitternacht wieder ausgeschaltet. Am Potsdamer Platz hätte ich die Chance auf „ein Abenteuer“ haben können, was ich aber höflich ablehnte. In den folgenden Stunden begegnete ich vielleicht knapp zehn Menschen auf den Straßen. Und das in einer Millionenstadt! In der U-Bahn nach hause dann fragte mich jemand, ob ich diesen Riesenwurm aus Star Wars kenne, ja genau der, der Prinzessin Lea gefangen hielt. Um zehn vor vier war ich wieder zu hause.

Mein Samstag begann mit Schlaf, Analoglektüre, Essen und einem Anruf: Ich verabredete mich mit Sanja, erfreute mich an der Vorfreude. Mit ihr ging ich dann spazieren und Kaffe trinken, übersetzte mit ihrer Hilfe einen Brief bei einer Coppa Bella Stracciatella, den ich noch am gleichen Abend einwarf.

Rotem und ich schoben ein Sofa durch die Gegend, das sie unbedingt in ihrem Zimmer haben wollte. Erst im Flur unseres Gebäudes stellten wir fest, dass es uns definitiv nicht möglich war, das sperrige Möbelstück die Treppen hinauf zu bugsieren. Also stellten wir es auf die Straße, gleich vor unsere Haustür, und erfreuten uns auch in den folgenden Tagen noch an seinem Anblick. Keine Woche später nahm irgendwer anderes es mit, aber zu diesem Zeitpunkt konnten wir das nicht wissen. Dann sahen wir uns die Ausstellung „unheimlich vertraut“ an, die Fotos und Videos zum Thema Terrorismus und Krieg beinhaltet und uns mitgenommen wieder ausspuckte. Empfehlenswert. Ebenso empfehlenswert ist das indisch-mexikanische Restaurant, in dem wir danach aßen.

Montag: Der Dienstplan wurde verändert und ich wechselte meine Schicht mit Daniel, um nicht umsonst so früh aufgestanden zu sein.
Dienstag: Auf dem Spielplatz verrückte eine zahme Katze die schützende Wand des Verdrängen und Bilder meiner schwarzen Katze durchströmten mein Gedächtnis. Erst viel später am Abend drängte sich mir der unerfreuliche Gedanke auf, dass sie mich wahrscheinlich schon längst vergessen hat. Nach der Arbeit brachte ich Cordt eine Mandarine ans Krankenbett und blieb mal wieder acht Stunden bei Lou hängen. Natürlich htte ich ein schlechtes Gewissen, da ich ihr und ihren Kindern so lange auf die Pelle rückte und auch ihre Beteuerung, ich würde nicht stören, konnte nichts daran ändern, dass ich mehrmals wiederholte, sie müsse mir nur sagen, wenn ich gehen sollte. Ich versuchte, mich nützlich zu machen, oder allen möglichst einen Gefallen zu tun, indem ich mich mit Aino amüsierte, Lou zu Terminen begleitete und Cordts Schreibfehler korrigierte. Gegen mein schlechtes Gewissen half nichts. Meine Holflosigkeit teilte sich meine Hirnwindungen mit ihm und zurückhaltender Freude.
Als ich auf den Bus wartete, sah ich eine Ratte auf dem Bürgersteig; die erste, seit ich in Berlin war. Die Idee, sie wegzuscheuchen, erwog ich nicht wirklich. Vielleicht, weil ich mich unbewusst mit ihr identifizieren konnte (parasitäre Lebensformen unter sich...), vielleicht auch nur, weil ich keinen Sinn darin erkennen konnte.
Lous Kommentar „ein junges Mädchen wie du hat doch bessere Gesellschaft verdient“ verwunderte mich auch im Nachhinein noch: was konnte man mir, einer Fremden in der Anonymität der Großstadt besseres bieten als einen Zufluchtsort inmitten einer familiären Struktur?
Mittwoch: Die Zeit mit der Schule im Zoo war viel zu kurz! Ich beschloss, dass ich hierher zurückkommen müsse.
Donnerstag: Nach knappen fünf Minuten am „Hof 23“, wo die Schule Halloween feierte, fuhr ich mit vier Kindern zum Alexanderplatz, da dort der Treffpunkt für die Teilnehmer eines Konzerts, bei dem sie mitwirkten, war. Natürlich war mal wieder gerade auf der Strecke Baustelle, die wir benötigten, so dass wir das letzte Stück zu Fuß laufen mussten; die Kinder mit Instrumenten und Jacken unter dem Arm, ich mit einem von ihnen auf dem Rücken, da sein Fuß verletzt war.
Freitag: Nach der Arbeit ging ich mal wieder zu Lou (mein zweites zu hause hier in Berlin), wo ich Gespräche mit Flavin hatte, während Cordt beleidigt an seiner Geschichte schrieb und sich bei voller Lautstärke die Simpsons über Online-Streaming und Kopfhörer reinzog. Schließlich war ich so müde, dass ich es nicht mehr nach hause schaffte. Cordt überließ mir süßerweise sein Bett, so dass ich die Übernachtung in bester Erinnerung behielt.
Samstag: Ich beschloss, zum Zoo zurückzukehren und nahm kurzerhand Cordt mit. So hatten wir beide Gesellschaft und waren weg vom Bildschirm. Nach stundenlangem Tiere-Fotografieren in der Enge des Zoos (nicht, dass nicht genug Platz für die Besucher wäre, aber das Schicksal der Tiere kann einen schon einengen) gönnten wir uns „Abendessen“ im Königshaus der Burger. Schließlich verschaffte mir Assassin's Creed einen unerhofften Inspirationsschub für meine Prosa und ich ging schnell nach hause, um allein in meinem Zimmer schreiben zu können.
Sonntag: Marianne und ich putzten die Wohnung und gingen dann mit Simone ins Museum für Fotografie, wo eine Ausstellung zu Helmut Newtons Fotografie zu sehen war. In meinen Schränken waren nur noch Reiswaffeln und Nutella übrig, also mussten die fürs Abendessen herhalten. Das Verschieben der Uhrzeit um eine Stunde verschaffte mir eine Stunde längeren Schlaf...
Montag: Die Arbeit war mittlerweile zwar nicht wirklich Routine, aber trotzdem nicht mehr einzelne Blog-Einträge wert. An diesem Montag war Halloween, aber ich hatte kein Kostüm. Ich erfreute mich an Chats mit Freunden, tippte stundenlang Einträge für mein veröffentlichtes Leben und beschloss, dass es Zeit wurde, weniger Details zu posten. Immerhin nervte es sogar mich selbst.

9 - 19: Seminarzeit

Am 9.10.11 (einem gemütlichen Sonntagabend) saß ich mit Rotem in ihrer Küche, zu einem unserer Eating-Meetings. Neben unserer üblichen Kommunikation kuckten wir uns Vintage-Fashionblogs an, um Ideen für die Dekoration meines Zimmers zu sammeln. Bei Gelegenheit würde ich wohl versuchen, so ein scheinbar-schwebendes Bücherregal an meiner Wand anzubringen.

Montagmorgen eilte ich um acht Uhr zur Post, nur um an den geschlossenen Türen zu lesen, dass sie erst um neun öffnen würden. Also lief ich durch den Regen wieder zurück nach hause, wo ich frühstückte und mein Alex-Pettyfer-Poster zum Aufhängen vorbereitete. Gegen zehn ging ich wieder zur post und musste feststellen, dass „Montag“ nicht gleichbedeutend damit ist, dass nicht halb Neukölln dort Schlange steht. Ich zog für vier Euro Briefmarken aus dem Automaten, der übrigens kein Wechselgeld rausrückt, stellte mich brav an, beobachtete, wie zwei Beamte sich ungemein viel Zeit beim Öffnen von weiteren Schaltern ließen und hörte dem Geplänkel der jungen Mütter zu, die mit ihren Kinderwagen und dazugehörenden Kleinkindern hinter mir standen und offensichtlich tatsächlich geglaubt hatten, in fünf Minuten wieder raus zu sein. Endlich an der Reihe bezahlte ich meine Umschläge und ließ mich von der Beamtin darüber informieren, dass ich auf Umschläge dieser Größe den satten Betrag von 3,45 Euro kleben musste. Byebye, neuerworbene Briefmarken; guten Morgen Kapitalismus! Ich klebte also 7/8 meiner Briefmarken auf einen dieser Umschläge, stopfte meine analoge Antwort auf Julias Brief und ihr Geburtstagsgeschenk rein, schrieb schön säuberlich ihre Adresse drauf, meine für alle Fälle auf die Rückseite, warf das Ganze um 11 Uhr 11 zugeklebt in einen der gelben Briefkästen und hoffte das Beste.
Zu hause war es dann auch schon beinahe Zeit zu kochen, denn um halb eins mussten wir uns auf den Weg zum zehntägigen Einführungsseminar machen.
Wir verfuhren uns (natürlich!) und schoben die Schuld den Koffern in die Rollen, da die uns wie Touristen aussehen ließen (und die verfahren sich in Berlin ja ständig...). Trotzdem kamen wir zeitig an und gönnten uns Kaffee und Kuchen. Wie es für solche Veranstaltungen üblich ist, fing das Seminar nicht pünktlich an, weil nicht alle um zwei eingetroffen waren. Ab drei lernten wir uns dann in verschiedenen Kennenlernspielen kennen, aßen gemeinsam Abendbrot, bekamen das Programm für die nächsten zehn Tage vorgestellt und gaben gruppenweise noch einmal alles, was unsere müden Köpfe zustande brachten, um unsere „Willkommensparty“ zu organisieren. Dort wurde gespielt, getanzt, gesungen und gelacht, anschließend verteilte sich die Gemeinschaft: manche verschwanden in den Regen, ganz nach dem Motto „erst mal eine rauchen“, andere setzten sich mit dem Laptop in den Essenraum und wieder andere schwatzten im Partyraum. Ich besuchte alle: erst ging ich mit den Rauchern frische Luft schnappen, dann begab ich mich zurück zum Partyraum und als ich keine Lust mehr hatte, holte ich mein Laptop. Wie als hätten sie meine Langeweile gespürt, luden uns die angehenden Krankenpfleger vom parallel laufenden Seminar zu ihrem Überrest einer Feier ein und nach kurzem Zögern nahmen Anastasia (eine griechische Freiwillige) und ich ihre Einladung an. Der Teetasse Sekt folgten die üblichen Fragen nach Herkunft und Sprachkenntnissen, Empfehlungen für die verschiedenen Ecken Deutschlands und Informationen über die Ausbildung und das zugehörige Seminar. Irgendwann löste sich auch dieser Kreis auf und ich wechselte wieder über in unseren Partyraum, wo sich die meisten jungen Männer wie üblich um Marianne geschart hatten. Matteo, ein italienischer Freiwilliger, und ich tauschten uns noch kurz über unsere Pfadfindererfahrungen aus, dann beschloss auch ich, schlafen zu gehen.

Auf das gemeinsame Frühstück folgten nicht immer interessante Kurse, teilweise Spielereien mit Pseudo-Analyse über den Sinn der Sache. Irgendwann im Nachmittag rief mich meine luxemburgische Fahrschule an, die Information, dass ich für mindestens ein Jahr in Berlin sein würde, hatte die wohl nie erreicht. Na ja, jetzt wussten sie es. Auf die abendlich-auswertende Frage „Was hast du heute gelernt?“ konnte ich nur ø antworten (übrigens ist dieser durchgestrichene Kreis nicht nur das mathematische Symbol für das Nichts, sondern auch das dänische Wort für Insel). Die allgemeinen Erwartungen ans Essen wurden nicht erfüllt – bei Weitem nicht. Abends trank ich mit ein paar anderen noch ein paar Bier und spielte Billard, wobei Meister Matteo mich lobte und meinte, mit meinem Talent könne ich in ein paar Jahren professionell spielen. Eine Übertreibung, die ich an den folgenden Abenden mehrmals widerlegte.

Ich war am nächste Morgen fit – ungelogen! Aber die Kurse machten mich wieder müde. Das Mittagessen war besser als am Tag zuvor, ein Lichtblick für den Rest der Woche. Knapp fanden mich die Seminarleiter in der Mittagspause allein im Seminarraum, kündigten sie mir ihr „Attentat“ auf mich an: ich sollte den Rest des Seminars über als Fotografin in ihrem Auftrag die Teilnehmer portätieren, damit die Fotos ausgedruckt und am letzten Abend als Andenken an die Leute verteilt werden könnten. Da ich so oder so Fotos gemacht hätte, hatte ich kein Problem damit. Dann ging ich mit einer Gruppe von Teilnehmern um den See spazieren, fotografierte und aß später guten Kuchen. Nach dem letzten Kurs wusste ich wieder einmal nichts in mein Lerntagebuch zu schreiben; später am Abend kuckten wir dann Die Welle. Beim darauf folgenden Billard verlor ich vier oder fünf Mal gegen Brigi (zu meiner Verteidigung: ich habe mehr Kugeln versenkt als sie – nur halt die falschen...) Und da man ja aus Fehlern lernen soll, ging ich um eins schlafen. Immerhin zwei Stunden früher als am Abend zuvor!

Am Donnerstag wurde es interessant: durch einen Film erfuhr ich von den sogenannten Single Stories, die uns eigentlich täglich begegnen, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Und genau das macht sie so gefährlich, denn Single Stories sind vergleichbar mit Vorurteilen und Stereotypen, sie belaufen sich auf eine einzige Quelle und vereinfachen Themen oder Bilder, die man von Ländern oder Menschen hat, und eigentlich sind sie halt nicht einmal falsch, sondern einfach nur unvollständig.
Nach Mittagessen und Spaziergang setzten wir uns in den Geschichtsunterricht, wo wir kollektive und persönliche Erinnerungen auflisteten. In der späteren Reflexionszeit konnte ich dann auch was beantworten und auswerten, unabhängig davon, dass ich es niemandem mitteilte.
Beim Abendessen äußerten sich drei von fünf der Anwesenden beeindruckt von meinen Sprachkenntnissen und später teilte Anastasia mir beim Fotos-Kucken mit, dass sie mich mit Locken süß und mit geglättetem Haar sexy finde und überhaupt für ein schönes Mädchen halte. Später schauten wir uns noch den alten DDR-Film „Die Legende von Paul und Paula“ an und nach einem Kirsch-Porter ging ich zu Bett, diesmal um elf.

Am Freitag stand ein Besuch im Stasigefängnis auf dem Programm, anschließend Interviews mit Menschen, die bereits zur Wendezeit im Osten gelebt hatten und uns ihre Erlebnisse schilderten. Wir befragten Senioren von einem LIDL, dann, als wir diese Aufgabe hinter uns gebracht hatten, entflohen wir Kälte und östlicher Einöde, indem wir in den nächstbesten Bus stiegen und es sogar irgendwie recht mühelos schafften, zum Alexanderplatz zu gelangen. Anastasia und ich druckten Fotos im Saturn aus, Evelïna stellte mich dem Country Burger* (*vegetarisch) bei Burger King vor und wir kauften Süßigkeiten im Galeria Kaufhof, wie die anderen Kinder.
Mit einem Bus, der mehr an eine beleuchtete Sardinenbüchse als an sonst etwas erinnerte, fuhren wir am Abend zu einem deutsch-togoischen Treffpunkt, wo es ausgezeichnetes Abendessen gab. Anschließend hatten wir wieder Freizeit, und da das Wochenende normalerweise immer irgendwo von iregndwem gefeiert wird, kam uns diese Freiheit gerade recht. Ich zog mich in meiner Wohnung um und fuhr in Begleitung von Anastasia und Brigi zu einer 70er-Jahre-Space-Party, wo schon andere Frewillige auf uns warteten. Obwohl die Musik nun wirklich nicht das war, was ich mir üblicherweise anhöre oder gar drauf tanze, wurde es ein witziger Abend, der mir durch süße Komplimente leicht angetrunkener Seminarteilnehmer verschönert wurde. Auch wenn „Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich mir wünschen, dass sie so ist wie du“ nicht das beste Kompliment ist, den man von einem attraktiven, jungen Mann hören will. Die Musik wurde im Laufe des Abends immer besser, wobei der Fluss des Alkohols natürlich nicht ganz unschuldig war, und ich tanzte bis ich nicht mehr konnte und vor Müdigkeit fast auf der Tanzfläche, an eine Wand gelehnt, eingeschlafen wäre. Nach strapaziöser Busfahrt und mehr-metrigem Fußweg fiel ich gegen halb sechs augenblicklich in den Tiefschlaf, ohne mich noch aus meinem Outfit herauszuschälen, so dass ich ein paar Stunden später nur die Decke zurückschlagen und aufstehen musste.

Nach nicht einmal drei Stunden Schlaf ging ich frühstücken; das Brötchen brachte ich nur mit Mühe die Kehle herunter. Mit Bus und dem üblichen Kram gelangten wir zum Hackeschen Markt, wo eine Führung mit Anregungen zum Thema Globalisierung und Konsum für uns organisiert war. Überaus interessant, aber aus unerfindlichen Gründen verpassten gewisse Leute diesen Vortrag: Matteo, Martina und Felix hatten auch nach Lubas, Onurs und meinem Abgang im frühen Morgen noch weitergetanzt.
Dann hatten wir wieder Freizeit und ließen uns in kleiner Gruppe von unseren Füßen tragen, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen. Irgendwann landeten wir bei den typischen Touristenattraktionen und verfielen zum Spaß auch gleich in die dazugehörenden Verhaltensmuster: Fotos mit weit ausgebreiteten Armen vor Brandenburger Tor, Berliner Dom und Reichskanzlei. Beim Brandenburger Tor schlossen wir uns den Demonstranten an und zogen mit vor die Reichskanzlei, bis wir weiterzogen um die Stadt zu besichtigen wie die Touristen, die wir nun mal waren. Wir gelangten zu einem netten Platz-Schrägstrich-Laden, an dem man gefrorenen Joghurt mit einer breiten Auswahl an Extras verzieren kann, um ihn anschließend zu genießen. Das Ganze verkauft sich mit dem wunderbaren Namen Wonderpots und ist wärmstens zu empfehlen... besonders wenn man neben den vollgeschriebenen Tischen und dem attraktiven Personal die 100%-recyclebaren und plastikfrei-patentierten Löffel sieht.
Unweit vom Alexanderplatz schlenderten wir schließlich über einen flohmarkt, auf dem ich mich in ein Foto verliebte und mit neuer alten Lektüre eindeckte. Schlussendlich trieben uns die Kälte und unsere müden Füße in das arabische Restaurant, in dem wir mit anderen Seminarteilnehmern verabredet waren.

Die Woche lief gemütlich aus: nach einer erholsamen, schlafreichen Nacht in meinem eigenen Bett traf ich mich morgens mit Anastasia und Luba, um ihnen den Mauerpark und den an jedem Sonntag stattfindenden Flohmarkt zu zeigen. Mittags hatten wir wieder einen Kurs im Seminarhaus, der eher trocken war und Informationen zum EVS enthielt, die wir größtenteils schon hatten. Danach war, zur Abwechslung, mal wieder Freizeit angesagt und abends schauten wir uns den Film „Im Juli“ an, der durch technische Probleme unterbrochen wurde, so dass wir das Ende nur in mieser Internet-Qualität verfolgen konnten.

Der Montag – eh ein Tag den ich von meinem persönlichen Kalender streichen würde, wenn ich könnte – begann mit einem Kurs über Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit. Ich kam mir vor wie in der Schule: schwieriger, teilweise langweiliger Stoff, immer dieselben Leute, die sich aktiv beteiligten, die meisten schläfrig-passiv in ihren Stühlen hängend. Im Nachmittag beobachtete ich Felix Judo-Unterricht und arbeitete mit meiner Gruppe die Botschaft des langen Geschwafel in der Nachrichtensendung, die wir uns zum am Morgen bereits behandelten Thema anhörten, aus. Am Abend fand ich auf meinem Bett ein Geschenk meines geheimen Freundes: ein ganze Nutellaglas.
Um unsere Freiheit am Wochenende zu bekommen, mussten wir jetzt am Montagabend noch zwei Stunden Kurs über uns ergehen lassen. Es herrschte Krisenstimmung, sowohl in der Gruppe als auch in meinem Kopf. Das Trinken am Abend konnte meine Irritation nicht verbessern und schlussendlich blieb die Situation ungeklärt für mich und ich schlief in unserer gemütlichen Runde auf dem Sofa, den Kopf in den Nacken gelegt, ein.

Am nächsten Morgen boten verschiedene Seminarteilnehmer verschiedene Workshops an. Die inoffizielle Martina-Gwenn-Variante hieß, sich wieder hinlegen; Matteos Variante beinhaltete duschen, da sich niemand bei seinem Angebot eingeschrieben hatte. Später kam ein Filmteam, das die Freiwilligen des IJGD interviewen sollte. Weder Marianne noch ich hatten groß Lust auf solch einen Auftritt in dem Film, der daraus entstehen soll, also flohen wir mit der Einkaufsgruppe ins Edeka. Nachdem wir die Einkäufe für die Abschlussparty am Abend in den Einkaufswagen gepackt und bezahlt hatten, fuhren wir damit zurück zum Seminarhaus. Später am Tag brachten wir den Einkaufswagen zurück zum Supermarkt; Martina und ich fuhren damit auf der Straße wie die Kinder, deren Körper wir abgelegt hatten und die doch noch immer in uns wohnen.
Gruppendynamik entstand durch das vielgelobte Spiel „Mission Impossible“, das nichts mit dem Hollywood-Blockbuster zu tun hatte, sondern Aufgaben in Form einer Mission an uns richtete. Wir schafften es, Mission made possible! Es war der letzte gemeinsame Abend, also grillten wir (auf südländische Weise – ja, da gibt es Unterschiede zu der „nordischen“ Methode), tranken Wein; Martina und ich ließen uns von Felix lehren, wie man einen Mojito mixt. Am Lagerfeuer saß ich danach mit den üblichen Verdächtigen.

Am Morgen mussten wir unsere Zimmer räumen und ich bekam eine SMS von Lou: in der Schule war ein Paket für mich angekommen, und Lou freute sich schon drauf, mich wiederzusehen. Wie gut es doch tut, so etwas zu hören! Zum Abschluss standen wir alle in einem Kreis, in unserer Mitte eine Kerze, die wir allein durch Kraft unserer positiver Gedanken an das in den letzten Tagen Erlebte zum Verlöschen bringen sollten. Mir standen jetzt schon Tränen in den Augen, die ich schnell weg zu blinzeln versuchte. Schließlich ging einer der Seminarleiter in die Mitte und pustete die Kerze aus, denn egal wie sehr du an etwas glaubst, du musst aktiv werden, um Wünsche zu erfüllen. Beim Abschiednehmen flossen die Tränen dann doch, ich konnte nicht anders. Sanja und ich handelten bereits eine erste Verabredung fürs Wochenende aus. Dann endlich ging es nach hause; Wäsche waschen, einkaufen, vor der Tür stehen. Back to normal life, sozusagen. Abends folgten dann längere geschriebene Gespräche mit meiner Kusine, die gerade in Amerika lebte und dort ihren Schulabschluss machen wollte.

Donnerstag, 20. Oktober 2011

Zwischendurch

Bis ich die Zeit finde, meine Erlebnisse zu tippen, empfehle ich Julias Hallelujah-Cover...

Leidenschaft entfacht Feuer, denke ich und träume weiter

Sonntag, 9. Oktober 2011

is over


Am Tag der deutschen Einheit begaben wir uns zur „Party“ beim Brandenburger Tor. Es stellte sich heraus, dass es sich um nicht viel mehr als Verkaufsstände, ein Riesenrad und eine große Bühne handelte, auf der in der Zeit, die wir dort verbrachten, allerdings nur eine Coverband spielte. Wir entdeckten eine Metallkonstruktion, an der man zu Aussichtszwecken hochfahren konnte und für fünfundvierzig Euro mit dem Bungeeseil hinunterspringen konnte. Auch wenn dieser Fünfundvierzig-Euro-Sprung weitaus billiger war als an den professionell veranstalteten Bungeesprungorten, war er mir doch zu teuer, um hier meinen Traum vom großen Sprung zu verwirklichen. Auf dem Hin- und Rückweg konnten die anderen U-Bahn-Fahrer kostenlos von Simones, Rotems und Mariannes Freude am Singen profitieren. Die meisten lächelten über so viel Lebensfreude.
Simone und ich kauften uns einen Kebap, den besten, den sie bei ihrem bisherigen Herumtesten so entdeckt hatte, wie sie mir versicherte. In ihrer Küche verputzten wir den dann genüsslich, was Rotem auch gleich bildlich festhielt, und Marianne setzte sich mit gesünderem Abendessen hinzu, nachdem sie mit der ganzen Familie geplaudert hatte. Was danach kam, versetzte meiner Zufriedenheit einen Dämpfer, denn es kamen Gespräche und Vergleiche unserer Körper auf. Eine unschöne Sache, wenn man sich nicht durch und durch wohl in der eigenen Haut fühlt. Zwar bezeichnete mich Rotem als „lucky bitch“ wegen meiner Brüste, aber ich hätte neben meinen gertenschlanken Mitbewohnerinnen trotzdem glatt deprimieren können. Ich zog mich allein in unsere Wohnung zurück und da ich mich eh schon fühlte wie am Pubertätsanfang verhielt ich mich auch so, indem ich meine Webcam auspackte und meine verschiedenen Gesichtsausdrücke bei verschiedenen Spezialeffekten ausprobierte.
Stolz war ich nur darauf, dass ich den ganzen Tag über keine Prinzenrolle gegessen hatte.

Wie ich am Tag zuvor gelesen hatte, gab es Bauarbeiten auf der Ringbahn, und zwar genau auf dem teil der Strecke, den ich für meinen Arbeitsweg immer benutzte. Also blieb mir nichts anderes, als einen Umweg zu fahren. Die Frau, die in der S-Bahn neben mir saß, hörte genau die Art Musik (irgendetwas, das in Richtung Techno ging), die man ihrem spießigen Erscheinungsbild nicht zugemutet hätte. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich mir keinen Musikstil bei ihr ausgedacht, denn ich hatte ihre Kopfhörer nicht gesehen, bis sie aufstand um auszusteigen.
Die Herbstferien hatten angefangen, so dass wir nur wenige Kinder beaufsichtigen mussten. Wenig Kinder, kein Stress, entspannte Atmosphäre. Was es zu mittag geben würde, wurde ebenso spontan entschieden wie das Einkaufen. Es lief auf Pizza hinaus.
An diesem Tag hatte ich ein echt süßes Gespräch mit einem Kind, das ich der breiten Masse nicht vorenthalten will:
A: „Bist du glücklich, wenn ich dich mag?“
G: „Ja, klar.“
A: „Ih mag dich.“
Auf dem Heimweg dann ein weiteres Gespräch, eines aus der Kategorie „will niemand wissen und ist uninteressant“. Dazu bleibt nur zu sagen: Liebe S-Bahn-Fahrer, das Handy ist kein Lautsprecher und niemand will euer Leben kennen lernen, wenn es derart uninteressant ist. Zumindest über den ersten Teil informieren sogar Plakate.

Mittwoch weihte Lou mich in die Kunst des Buchbindens ein und es gab Fischstäbchen, ohne dass ich sie mir laut gewünscht hätte. Außerdem lieh mir Lou neue Lektüre. Neu? Neu für mich. Es handelte sich um eine Second-Hand-Ausgabe von Walter Moers' 13 ½ Leben des Käpt'n Blaubär. Außerdem unterbreitete meine Arbeitgeberin meinen Kollegen und mir ein Nebenjobangebot, denn eine ihrer freundinnen zog um und brauchte am Wochenend Hilfe beim Kistenpacken und -schleppen. Da sagt man doch als eigenständig denkende, hilfsbereite, neue Klamotten benötigende, junge Frau nicht Nein.
Nach der Arbeit machte ich mich mit Daniel auf den Weg zum IJGD-Büro, um unser Monatsgeld abzuholen. Auf dem Weg dorthin musste ich in der U-Bahn-Station feststellen, dass verschiedene Leute den Sinn von Kopfhörern immer noch nicht verstanden haben, denn ich konnte David Guettas, in Zusammenarbeit mit Taio Cruz und Ludacris entstandene Lied „Little Bad Girl“ auf fünf Meter Entfernung mithören. Trotz der Kopfhörer. Ob es dem jungen Mann nun an Trommelfell oder Hirn mangelte, ließ sich nicht so einfach feststellen. Aber eines von beidem fehlte.
In der Wohnung angekommen, drückte Simone mir einen Umschlag in die Hand: Julia hatte mir einen Brief und Poster geschickt. Gerade so, als ob ich und nicht sie nächsten Montag Geburtstag hätte. Rotem wurde ganz neidisch und ich machte mir Gedanken, was ich Julia zum Geburtstag schenken könnte. Beschämenderweise hatte ich mich darum bisher noch nicht gesorgt.
Simone und ich schauten uns abends in der Neuköllner Kino-Passage „Midnight in Paris“ an, mit Gummibärchen und guter Laune, der uns trotz der schlechten deutschen Synchronisation gefiel. Ein befriedigender Abschluss für einen Mittwoch.

Durch das Buchdrucken inspiriert, hatte ich beschlossen, mir möglichst bald auch so ein Buch zuzulegen und es gemeinsam mit den Kindern auszufüllen, so dass ich nach diesem Jahr von jedem Kind ein persönliches Erinnerungsbild oder -textfragment hätte. Im Schlaf befiel mich dann die Idee zur Buchcovergestaltung: Zwei Handabdrücke unter dem Titel „First and Second Hand“. Bis ich aufstehen musste, las ich mich weiter in den dreizehneinhalb Leben des Käpt'n vor. Die Müdigkeit konnte ich wegen meinem neuen Begleiter nicht abschütteln: ich hatte mir einen leichten Schnupfen zugezogen.
Mit den Schulkindern gingen wir in die „Nische“; die Zeit floss zäh wie grauer, farbloser Honig. Ich überlegte mittags schon, was ich abends kochen könnte und unterwegs stellte ich fest, dass die Blätter von einem Tag zum anderen zu trockenen Haufen auf den Boden gefallen waren, manche noch in ihrem sommerlichen Grün überrascht. Zu hause duschte ich heiß, mummelte mich in bequeme Klamotten und malte Julias Geburtstagsgeschenk fertig. Irgendwann blickte ich aus dem Fenster; es regnete, als ob es kein morgen gäbe. Schnell ging ich meine Balkontür schließen, kochte dann und las.

Wieder einmal wurde ich vor meinem Wecker wach. Beim Frühstück verputzte ich die letzten Diätzwiebacks, Cheddar- und Schinkenscheiben. In der U-Bahn beobachtete ich die Lippenbewegungen eines Paares; meine Gedanken waren so laut, dass ich erst nach einer Weile merkte, was an der Situation so ungewöhnlich war: das Gespräch war leise, schallte nicht durch die ganze U-Bahn. Ganz berlinlike las ich in der S-Bahn mein zerfleddertes Second-Hand-Leihbuch.
Als Mittagessen bereiteten wir Kartoffelpuffer mit Apfelmus und Zucker-Zimt-Mischung zu, so dass ich mich zurück nach Luxemburg auf die Schueberfouer zu einem Gromperekichelcherstand versetzt fühlte. Nur weil mein Heimweh weit zurückgedrängt in den Tiefen meines Vergessens vegetierte, hieß das nicht, dass es nicht da war. Es war oft präsenter, als ich es zugeben wollte.
Das Wetter schlug mir auf die Nerven, ich hatte das Gefühl, meine Grenzen nicht mehr zu kennen und mich mehr und mehr zu einem selbstsüchtigen, monströsen Wesen zu entwickeln. (Anfang einer Winterdepression?) Ich fragte Daniel zwar, ob er satt sei, eigentlich beherrschte aber nur meine unersättliche Gier nach mehr mein Herz.
Am Telefon lernte ich, dass Sonnabend Samstag ist und somit der Umzug am nächsten Morgen, und nicht, wie ich bisher angenommen hatte, am Sonntag, sein würde. Zudem lernte ich, dass drei-viertel-Sieben 18.45 (oder eben 6.45) ist. Daniel und ich sollten in der Schulumkleide Kartons ausräumen, wobei mir eine Gitarre runterfiel, die oben auf einem Regal gelegen hatte. Also konnte ich gleich wieder ans Telefon um mein Missgeschick zu beichten, denn die Gitarre hatte den Sturz nicht unbeschadet überstanden. Mit ihr fiel auch meine Laune.
Der letzte Rest meines Selbstvertrauens war hin, es blieben in meinem Kopf nur noch Zweifel. Ich hatte keine Lust auf meine leere Wohnung und druckste damit herum, bis Lou mich auf einen Kaffee einlud; eine Einladung, die ich dankbar annahm. In Lous Wohnung begegnete ich Hansi, dem misstrauischen Wellensittich, und Lous Sohn Cordt, den ich schon auf der Klassenfahrt kennengelernt hatte und der, wie ich wusste, sein Zimmer aufräumen musste. Erstmal gab es aber Kaffee mit aufgeschäumter Milch und Zimt für die Erwachsenen, Kinderkaffee und Brötchen für die, die es mal werden würden. Lou nahm ihre Tochter mit zu Freunden, zu denen sie eingeladen war; Cordt und ich blieben allein in der Wohnung zurück und begannen unser Mammutprojekt: in dem, was Cordts Bruder nicht unbedingt liebevoll als „Müllhalde“ bezeichnete, räumten wir den Weg ins Wohnbare frei. Zwischendurch rief mich Simone an (aus den verschiedensten Gründen verpasste ich keine wilde Partynacht); ungeachtet aller Ferngesprächskosten rief ich meinen Bruder an, so dass ich die Gelegenheit hatte, zu hören, dass es unserer Mutter besser ging und Cordt die, in einem ungekünstelten Gespräch Alltags-Luxemburgisch zu hören. „Scrubs“ und Radio per Livestream verhinderten eventuelle Stille, Pause legte Cordts Hunger und seine selbstgemachten Pfannkuchen ein. Am Ende des Abends hatten wir das „Unmögliche“ möglich gemacht; dadurch verflog zwar nicht die Unordnung in meinem eigenen Zimmer dafür aber die in meinem Herzen. Für Lou und Cordt war ich „ein Engel“ (und natürlich nahm ich kein Geld; die Dankbarkeit und unser Erfolg waren genug). Lous Tochter meinte, ich würde jetzt bei ihnen wohnen, aber schon allein wegen dem Umzug am nächsten Morgen konnte ich eine Übernachtung bei Lou & co. Nicht ernsthaft in Betracht ziehen. Um das Zugehörigkeitsgefühl perfekt zu machen, gab es dann noch Vanilleeis mit heißen Himbeeren, genau so, wie es auch bei meiner Mutter über die Jahre immer wieder gegeben hatte. Zum Abschluss baute ich der Tochter noch die Hütte, um die sie bat und gab dem Sohn noch die Buchempfehlung, von der ich ihm bereits gesprochen hatte (Bartimäus von Jonathan Stroud). Nach kurzer diskussion nahm ich Lous Brot dann doch an. Sie geleitete mich zu meinem Bus, ich verpasste den Anblick einer vorbeihuschenden Ratte und fuhr sicher nach hause. Natürlich fand ich nicht den kürzesten Weg von der Bushaltestelle nach hause, aber ich genoss die kühle Nachtluft. Die kostbarsten Dinge des Lebens sind kostenlos. Und wiederkommen durfte ich auch.

Am Samstagmorgen musste ich früh aufstehen, früh genug, dass Marianne, die nicht zu hause gewesen war, als ich in unserer Wohnung ankam am Freitagabend, immer noch nicht wieder zu hause war. Es war mehr als eine Stunde Fahrt mit U-Bahn und Bus bis zum heutigen Einsatzort, aber wenigstens konnte ich in derselben U-Bahn sitzen bleiben, bis ich das andere Ende der Stadt erreicht hatte. Ich las in dem zefledderten Leben eines gewissen blauen Seebären, verpasste Daniel an unserem Treffpunkt und musste aussteigen, um auf ihn und die nächste U-Bahn zu warten. In der Wohnung, die es auszuräumen galt, wurden wir herzlich empfangen; es gab sogar ein zweites Frühstück mit Kaffee und einem Hund, der keine Fremden mochte. Das Mittagessen wurde im Vorraus angekündigt (Nudelsalat und Buletten), wohl ein gutes Mittel, um die Leute bei Laune zu halten. Zu zehn bauten wir Schränke ab, räumten Regale aus, Kisten und den Umzugswagen ein; das Übliche eben.
Als alle Autos voll waren, fuhren alle in die neue Wohnung um auszupacken und Möbel zusammenzuschrauben; nur Daniel und ich blieben in der alten und packten weiter pädagogische Bücher und Blätter im Pappkartons. Um ein Uhr gab es dann auch für uns nichts mehr zu tun; die Kartons waren zugeklebt, die Regale abgebaut, die Schrauben eingetütet, der Müll rausgebracht und der Raum ausgefegt. Die anderen Helfer jedoch waren noch nicht wieder zurück. Also blieb uns nichts anderes als uns auf die wenigen verbliebenen Stühle zu setzen und zu warten. Auf dem Balkon zählte ich diesmal nicht die Wolken, sondern die himmelblauen Flecken dazwischen. Zum eisigen Wind würden Schneekristalle gut passen.
Gegen zwei kamen die anderen zurück, für unsere heutige Arbeitgeberin waren wir „die Helden“, weil das ganze Zimmer tatsächlich geräumt war, Regale, Bretter und Kisten aufgestapelt. Anscheinend hatte sie selbst nicht mehr daran geglaubt. Unser Mittagessen bekamen wir in je einem Becher, Bulette auf Kartoffelsalat. Das Streuselstück mit Vanillepuddingfüllung war zwar nicht im Becher, aber mindestens ebenso lang. Nach kurzer Mittagpause packten wir wieder mit an, um drei Uhr waren alle Zimmer bis auf das, was weggeworfen werden würde, leer. Wir verabschiedeten uns, sahen unseren Bus auf der anderen Straßenseite wegfahren und ich machte die dumme Bemerkung, das sei nicht schlimm, ich habe Zeit. Genau genommen wollte ich mir von so einer Kleinigkeit einfach nicht die Laune vermiesen lassen. Blöderweise hatte Daniel aber keine Zeit, und er sagte das auch, so dass ich mal wieder gar nicht daran denken wollte, was er wohl über mich denken musste. Ich wollte ihm das Brötchen, das ich vor dem wahrscheinlichen Wegschmiss ergattert hatte, überlassen (sozusagen mein Zeichen dafür, dass ich nicht immer nur an mich denke), aber er lehnte ab.
Zehn Minuten später saßen wir im Bus, um halb vier in der U-Bahn. Und oha!, siehe da, meine Mitbewohnerin war zu hause. Bei der Nachbar-WG klingelte ich vergeblich. Fuck it! Sobald Marianne fertig geduscht hatte, beschlagnahmte ich das Badezimmer. Ich duschte und beschloss, Eventualitäten keine Chance zu geben, was so viel bedeutete, wie dass ich heute nicht mehr vor die Tür gehen würde. Ich hörte Simone und Marianne bei einem ihrer Fenster-zu-Balkon-Gespräche, hörte meinen Namen und anschließendes Gelächter, fühlte mich sehr allein und sehr ausgeschlossen. Die Tatsache, dass die beiden Däninnen später ohne mich ausgingen, ohne auch nur zu fragen, ob ich mitwolle, machte das natürlich nicht besser.
Ich weinte mir meine Kopfschmerzen auf dem Balkon weg, blätterte in alten Gedichten und fand endlich eine Zeile, die ich als „Zitat“ an meiner Wand sehen wollte: Never Surrender. Anschließend hängte ich meine Pinnwand und einen Verkehrsplan an die Wand, für den Fall, dass ich irgendwann keinen Plan mehr habe. In der Küche räumte ich die Spülmaschine aus und übersetzte Marianne gleichzeitig das Blatt mit den Informationen zum Seminar, das wir besuchen würden. Dann holte ich mein Laptop, noch bevor ich Gemüse schnitt und in der Pfanne Farbe bekennen ließ. Ich aß wieder vor dem Bildschirm, bis ich um elf zu Bett ging, um den Schlaf nachzuholen, den ich die Nächte zuvor nicht gekriegt hatte.

Am Sonntagmorgen wurde ich kurz wach, als Simone und Marianne nach hause kamen, schlief aber gleich wieder ein. Richtig wach wurde ich gegen neun, da ich keine Lust auf Frühstück hatte, überlas ich es einfach. Also stand ich erst für die Zubereitung meines Mittagessen auf und klärte bei erster Gelegenheit das Missverständnis, das Marianne und Simone nicht einmal wahrgenommen hatten. Simone erzählte mir ihre neuste Geschichte (sie war am Freitag doch noch spontan rausgegangen und hatte neue, nette Leute kennengelernt, von denen einer sie heute zu einem Filmabend eingeladen hatte). Als sie und Marianne sich auf den Weg zum Fitnesscenter machten, um die Kalorien abzutrainieren, die ich gerade zu mir nahm, beendete ich mein Mittagessen und probierte mich anschließend noch in der Umsetzung einer Diätkilleridee, die Gummibärchen und Prinzenrolle beinhaltet. Dieses Schüsselchen leerte ich genüsslich, während ich meine Wochenmemoiren schrieb; leer war es allerdings immer noch nicht, als Marianne zurückkam, so langsam aß ich. Sie bereitete sich etwas zu essen zu und verschwand wieder nach drüben, allerdings nicht, ohne mich darauf hingewiesen zu haben, ich könne gerne nachkommen, ich solle bloß die Schlüssel nicht vergessen. Über Probleme, sogar nur vermeintliche, zu reden ist eben doch die beste (und normalerweise auch einfachste) Lösung.

Montag, 3. Oktober 2011

Golden October

Kreativ am Sonntag - Sonst nichts
Am Sonntag waren es noch exakt zehn Monate bis zu meinem zwanzigsten Geburtstag und ich tat den ganzen Tag über nichts weiter als meinen neuen Spiegel aufzuhängen, Bilder fertigzumalen und Koffen zu packen. Und das Kofferpacken schob ich auf bis spätabends. Ja, ich war das Wochenende über nicht besonders aktiv.



Am Montagmorgen ging es dann auf zu fünf Tagen Fulltimejob. Früher als sonst, nämlich bereits um 8.15 Uhr, musste ich am Treffpunkt sein, Kinder beaufsichtigen, sie daran erinnern, dass da eine Straße neben dem Bürgersteig ist und sie nicht egal wohin laufen können. Und natürlich Tränen trocknen, große Krokodiltränen, wie mein Opa sie genannt hätte. Immerhin würden wir fünf Tage weg von zu hause sein, und für verschiedene Sechsjährige scheint eine Woche ohne Eltern wie ein halbes Leben.
Nach etwas mehr als zwei Stunden Fahrt raus aus Berlin fanden wir in Mecklenburg-Vorpommern ein kleines Paradies. Wir hatten ein ganzes Anwesen mit Villa, Wiesen und Badesee nur für uns. Zwar würden die Kinder, die ja nichts anderes als die Großstadt gewohnt sind, es ein paar Tage später als „Wildnis“ bezeichnen, aber eigentlich war es nichts anderes als schön. Die Atmosphäre war in etwa so, wie ich sie von den Pfadfinder-Camps gewohnt bin; Heimweh inklusive.
Gleich am ersten Abend setzten wir uns dann auch ans Lagerfeuer, bis wir die Kinder und die Müdigkeit uns ins Bett brachten. Beim Pyjama-Anziehen prickelte meine Haut vor Kälte.


 
Am Dienstag profitierten die Kinder von dem riesigen Areal, das ihnen zur Verfügung stand, und beschäftigten sich größtenteils (natürlich unter professioneller, gutgelaunter Aufsicht) eigenständig. Mittags besuchten wir die Baumschule, wo es galt, Fragebögen auszufüllen, von denen ich nicht eine einzige Frage zu beantworten wusste. Nach dem Mittagessen kehrten wir dorthin zurück, und erst als der blaue Himmel in schönsten Lilatönen erstrahlte, machten wir uns auf den Heimweg. Nach dem Abendessen buken wir Stockbrot über dem Lagerfeuer, willkommen Schlaf!


europäischer Wolf
Früh aufstehen war noch nie so wirklich mein Ding, auch wenn ich es besser wegstecken kann als Andere. Am Mittwochmorgen jedoch hatte das Aufstehen ein konkretes Ziel, denn an dem Tag fuhren wir mit dem Bus, der einen extra Umweg fuhr, um uns abzuholen, nach Güstrow ins NUP (Natur- und Umweltpark), wo es unter anderem eine Raubtier-WG mit Wölfen, Bären, Luchsen und Wildkatzen gibt. Wie manche wissen, liebe ich Wölfe; dementsprechend freute ich mich fast mehr als die Kinder. Und obwohl einer der Jungs ins Wasser rutschte und den Rest des Tages ohne Jeans durch die Gegend laufen musste, verbrachten wir einen schönen Tag in der Sonne.

Nach dem Besuch im NUP gingen wir noch kurz durch Güstrow selbst, dann fuhren wir zurück nach Alt-Sammit. Wie schon an den Tagen zuvor wollten ein paar Kinder auch an diesem Nachmittag ins eisige Wasser schwimmen gehen, und so konnte ich noch ein paar coole Sprungfotos von ihnen machen.
Später kam dann das eher Unerfreuliche, denn zwischen einem der Schüler und dem Sohn einer Betreuerin war eine regelrechte Feindschaft entstanden, die vor allem darauf beruhte, dass der Neue älter war als der Schüler und ihm somit seinen Thron als „Größten“ wegnahm. Unsere streitschlichtenden Gespräche wurden vorzeitig unterbrochen, so dass ich die Fortsetzung auf den nächsten Tag verschieben musste.


Am Donnerstag fuhren wir nach Krakow am See, wo wir eine Buchdruckerei besuchten und auf einem Floß den See erkundeten. Schilfmauern umfahrend gelangten wir von einem See zum nächsten. Wir begegneten Enten, Anglern und Bootsbesitzern und am Ende des Tages befanden die Kinder die Floßfahrt als den schönsten Teil des Tages.

Am selben Tag, hunderte Kilometer entfernt, drückte meine Mutter auf „Absenden“ und Sekunden später teilte ihre SMS mir mit, dass sie im Krankenhaus lag. Für „nur“ eine, „ungefährliche“ OP. Sorgen machte ich mir trotzdem.
In der Villa buken wir Brot und grillten Würstchen. Ich stellte nebenbei fest, dass die Kinder nicht den blassesten Schimmer haben, was Ähren sind. Das kommt ungefähr in die Kategorie „Wo kommt die Milch her? - Aus dem Supermarkt!“ Jaaaa, und in zwanzig Jahren brauchen wir Begriffe wie „Milchkuh“ oder „Weizen“ nicht mehr.


Nach dem Abendessen schnappte ich die beiden, bereits erwähnten, Streithähne, und klärte das Ganze soweit ich konnte. Dann schickte ich den einen schlafen, während ich dem anderen auftrug, Schuhe anzuziehen. Schnell zog ich mir bequemere Sachen an (meine Jeans sind nicht so dehnbar), dann begann mein Anti-Agressions-Energie-Ablasstraining. Zwei Runden um die Villa, zum Aufwärmen, Tritte und Schläge zeigen, Basiswissen des Taekwondo weitergeben, loslegen. Schlussendlich machte es so viel Spaß, dass ich überlegte, wieder anzufangen und mein Schüler beschloss, es zu wagen.
Obwohl ich hundemüde war und nach der Dusche einfach nur schlafen wollte, machte ich die Teamsitzung mit. Aus Viertel nach elf wurde zwölf, aus zwölf wurde zehn vor zwei. Eine kurze Pause verschaffte das unerwartete Herbeihuschen einer Spinne, ins Bett verhalf die kollektive Müdigkeit.

Am Tag der Abfahrt lief dann das Übliche: Betten abziehen, Koffer packen, Sich auf Zuhause freuen. Der Besitzerin der Villa und der Köchin hielten die Kinder als Dank für ihre Bemühungen ein Ständchen und wir bekamen für unsere Manieren eine Einladung zum Wiederkommen. Als wir in unserem Reisebus, der sich als V.I.P-Luxusbus entpuppte, saßen, verteilte Evi Gummibärchen. Ohne hin zu schauen nahm ich mir ein rotes aus der Tüte und dachte rot wie Liebe, rot wie Wut, rot wie Blut. Oder halt wie die Dinge, die es in Wallung bringen. Durch den ganzen Bus erschollen „Tschüss Neu-Sammit“- und „Tschüss Wildnis“-Rufe.
An der Raststätte, an der wir Halt machten um zu Mittag zu essen, lieferte uns irgendein Fremder einen Zaubertrick: er schüttete Wasser in seine eben erst gekaufte Bild, öffnete dann die Zeitung und siehe da, sie war trocken. Ebenso trocken könnte man sagen die Bild schluckt eben die Wahrheit, ohne sie preiszugeben. Dann wurde die Zeitung wieder zusammengerollt und das verschwundene  Wasser zurück in den Becher gegossen. Der Mann ging, es blieb die allgemeine Verwunderung. Bis wir zurück in den Bus mussten, blieben wir auf der Wiese liegen und ich ließ meine Kopfhörer wandern; bestimmt fünf Kinder wollten mithören. „Stadtaffe“ lief gleich mehrmals.
Etwa eine Stunde später gab es dann das große Wiedersehen in Berlin, viele glückliche Kinder und lächelnde Erwachsene. Ich schleppte wieder meinen Koffer durch drei S- und U-Bahn-Stationen und sicher hunderte Treppenstufen hoch und runter, bis ich endlich vor meiner Wohnungstür stand. Als ich diese bis aufgeschlossen- und gestoßen hatte, fragte ich mich, ob meine Mitbewohnerin wohl ausgezogen war: alle Türen waren geschlossen, die Böden blitzblank, die Stühle hochgestellt. Vorsichtshalber öffnete ich den Kühlschrank; ihr Fach war voll. Gut, also nicht ausgezogen.
Am gleichen Tag gaben zwei Freiwillige eine Geburtstagsparty, zu der Simone, Rotem, Marianne und ich gingen. Ich bekam Komplimente zu meinem roten Kleid, es gab guten Kuchen, und irgendwann zogen wir weiter zum Club der Visionäre, wo wir bis ins Morgengrauen rumhingen.

Samstag standen wir bereits um zwölf (!) wieder auf der Matte und hatten dementsprechend noch genug vom Tag. In unserer eigenen Straße wären wir fast von irgendeinem hirnamputierten Idioten überfahren worden, der lachend mit seinen Kumpels um die Kurve bretterte und das Auto niemals früh genug gebremst bekommen hätte. Gut also, dass wir uns noch zur Zeit auf den Gehweg flüchteten. Gegen drei Uhr saßen wir dann in einem Café in der Nähe des Görlitzer Parks, wo wir Smoothie, Eis und Kuchen genossen. Dann legten wir uns im Görlitzer Park in die Sonne und gingen nach hause, als die Schatten uns zu lang wurden.
Ich verschickte noch ein paar Fotos, was ewig dauerte wegen der schlechten Internetverbindung, und glättete meine Haare, dann war es schon wieder Zeit, loszugehen. Rotem äußerte ihre Faszination zu meinen Augen, die, wie sie es formulierte, bei jeder Bewegung die Farbe zu wechseln scheinen. Außerdem meinte Rotem noch, wenn ich die Haare geglättet habe, bräuchte ich sonst keinen Schmuck mehr. Mein Selbstvertrauen wurde weiter aufgebaut als in der U-Bahn irgendsoein New Yorker meine Nummer haben wollte. Ich ließ mir seine geben und behauptete, ich würde drüber nachdenken, in Wirklichkeit habe ich nicht vor, ihm auch nur eine SMS zu schicken. Wir begegneten den anderen Freiwilligen, denen wir von der Party vorgeschwärmt hatten, an irgendeiner Station und stürzten uns ins Nachtleben, die Meschugge-Gay-Party. Same location as last time. Allerdings nicht die selbe Musik. Erwartungen enttäuscht, aber trotzdem Spaß gehabt.

Am zweiten Tag des verlängerten Wochenendes begann ich meinen Tag mit Brot- und Gemüseschneiden. Die Zutaten nacheinander in die Pfanne schmeißen, zwei Eier dazugeben, fertig. Als Nachtisch eine Kiwi und ich war satt und zufrieden. Den Nachmittag über befand ich mich auf der Suche nach einem Zitat für meine Zimmerdekoration; ich zählte Buchstaben und rechnete, wieviele Lettern ich mir auf dem Flohmarkt würde leisten können. Außerdem hastete ich zum MäcGeiz, weil ich hoffte, er sei ebenso geöffnet wie der Rewe, aber ich irrte mich. Na, so war ich wenigstens aus dem Haus gekommen. Auf dem Weg nach hause beobachtete ich dann ein Gespräch, das mir merkwürdig erschien, und erst nach ein paar Sekunden fiel mir auf, wieso: es wurde nicht mit dem Mund gesprochen sondern nur per Handzeichen.
Abends beschlossen wir, vor der Tunnelparty, zu der wir gehen wollten, noch richtig essen zu gehen. „Richtig“ bedeutet in ein Restaurant, mit professioneller Bedienung und ohne Abräumen Geschirrspülen im Anschluss. Ganz so professionell war es dann doch nicht, denn wir warteten geschlagene fünfzig Minuten auf unser Essen. Da wir keine sonderlich schwierigen Gerichte geordert hatten, war die Wartezeit definitiv zu lang. Der Chef erklärte irgendetwas von wegen, die Gerichte würden alle einzeln zubereitet werden, aber da das in anderen Restaurants ebenfalls so ist und wir zudem beobachtet hatten, wie Leute, die nach uns kamen vor uns ihr Essen bekamen, konnte uns das nicht beschwichtigen. Mein Fleisch war außerdem trocken, was wohl davon kommt, dass der Koch das Ganze noch einmal in den Ofen schieben musste, um es warm zu halten, bis wir bedient wurden. Dann eben kein Trinkgeld.
Die Tunnelparty war nicht nach Mariannes Geschmack, so dass sie nur kurz blieb, bevor sie nach hause ging. Simone, Rotem und ich blieben und tanzte, bis unsere Füße protestierten. Nach den letzten zwei durchgefeierten Nächten kein Wunder. So waren wir um die Zeit auf dem Heimweg, an der wir am Tag zuvor auf dem Hinweg waren. Eine Stunde nach Anbruch des Tags der deutschen Einheit duschte ich und ging ins Bett.


Sonnenschein und Partynächte - der Oktober fing gut an. Golden wie das Bier, das wir tranken, wie Ahren, die die Kinder aßen ohne zu kennen, wie die Sonne, die uns wärmte und die Straßenlichter, die uns den Weg nach hause leuchteten.